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Videotheken – Opfer der Digitalisierung

von Steffen Zörnig
Video Center in Hamburg Barmbek

Auch wenn viele Geschäfte und Berufe im Laufe der Zeit verschwinden, sind Videotheken für mich ein Paradebeispiel für die Folgenden der Digitalisierung. Von über 9.000 Videotheken in den 90er Jahren sind wir bei rund 50 noch existierenden Videotheken in Deutschland angekommen.

In vielen Haushalten wurden in den 80er Jahren in Deutschland Videorecorder gekauft. Mit denen konnte man auf Magnetbändern Filme und Serien aus dem TV aufnehmen und später schauen. Aber auch Filme in Geschäften kaufen und dann zuhause anschauen. Da Filme häufig teuer waren, entstanden auch immer mehr Videotheken, wo man sich die Filme ausliehen konnte.

Ich erinnere mich dabei noch genau, als mein Vater das erste Mal in den 80er Jahren ein Disney Video aus der Videothek mitgebracht hat. Bis dahin hatten wir immer nur selbstaufgenommene Filme aus dem Fernsehen von uns und den Nachbarn geschaut, oder einige wenige Filme gekauft.

Dabei war das Prinzip von Videtheken sehr einfach und auch dicht an Bibliotheken angelehnt. Doch im Gegensatz zu Videotheken hatten wenige einen monatlichen Beitrag, sondern Videotheken wurden pro ausgliehenem Medium (VHS Kassette, DVD, Videospiel,..) und pro Nacht bezahlt. Wer ein Video dann nicht schnell zurückbrachte, musste schnell hohe Nachzahlungen machen. Extra Geld musste man auch bezahlen, wenn man die VHS Videokassette nicht zurückgespult hat, oder sie sichtbar bei einem „Bandsalat“ Schaden genommen hat.

Praktisch jede Videothek hatte neben dem „Familien Eingangsbereich“ eine Tür auf der „Nur ab 18“ stand. Hier gab es neben Horror und Action Filmen mit FSK 18 Freigabe auch diverse Sex Filme. Für viele Videotheken war das ein sehr gut laufendes Geschäft. Und wohl fast jeder Heranwachsender versuchte spätestens mit 18 Jahren mit hochrotem Kopf durch diese Tür zu kommen.

1985 – Kopierschutz mit Macrovision

Da natürlich auch viele Leute sich die VHS Videos kopiert haben, bekamen Videorecorder ab ca. 1985 Macrovision mit eingebaut. Videos die damit ausgestattet sind, verhindern das Aufnehmen des Inhalts auf einem anderen Videorecorder. Alte Videorecorder ohne Macrovision waren eine Zeitlang heiss begehrt. Macrovision wird auch von den meisten DVD Playern ausgegeben, damit man nicht DVDs einfach auf auf VHS Videokasetten aufnehmen kann. Natürlich gab es immer Geräte welche das Macrovision Signal entfernt haben, diese waren in meiner Erinnerung aber recht teuer.

1990 – Rund 9.000 Videotheken in Deutschland

Nach der Wende gab es in Deutschland rund 9.000 Videotheken – der höchste Wert den wir gesehen haben und gefühlt hatte jeder kleine Ort eine eigene Videothek.

Mitte der 90er Jahre entdeckte ich zwei besondere Videotheken im Uni Vierte in Hamburg. Zum einen „The First“ und zum anderen „Dream Bigger better faster more“. Beide hatten englische Videos und so konnte ich als Science Fiction Fan die Star Trek Serien schon ein Jahr früher schauen. Doch während sich „Dream Bigger better faster more“ auf englische Videos konzentrierte und ich dort diverse Serien wie Buffy, Babylon 5 und Star Trek ausgeliehen habe, hatte „The First“ auch Amerikanisch NTSC Videos und später auch DVDs mit Amerikanischem Regionscode. Für diese Videos und DVDs brauchte man spezielle USA Player – dann konnte man aber viele Filme schon vor dem deutschen Kinostart sehen. Denn früher lag zwischen dem Kinostart in US und Europa sehr häufig diverse Monate.

2000 – DVD und Videospiele verändern den Markt

DVDs lösten endlich das Problem vieler VHS Kasetten. Es gab mehrere Sprachen, kein Zurückspulen des Magentbandes und auch kein Bandsalat mehr. Zudem nutzten sich DVDs eigentlich nicht ab, wenn man sie gut behandelt hat. Ein einfaches Kopieren von DVDs war auch nicht möglich – aber DVDs eigneten sich als gute digitale Quelle für professionelle Raubkopierer in der Zeit. Aber Anfang der 2000er Jahre hatten auch immer mehr Menschen einen CD und später DVD Brenner und nach kurzer Zeit gab es natürlich Computerprogramme, welche den Kopierschutz von DVDs schnell geknackt hatten.

Viele Videotheken haben in den 2000ern nicht nur Videos gehabt, sondern das Sortiment um Videospiele erweitert. Auch ganze Konsolen konnte man gegen ein höheres Pfand dort ausleihen und so erstmal testen. Gerade die Playstation 2 konnte mit einem Chip ausgerüstet werden, so dass sie Raubkopien abgespielt hat. Das hat – in Kombination mit dem großen Angebot an Spielen in Videotheken – sicher zum Erfolg der Konsole beigetragen.

2003 – Automatenvideotheken und DVD Verleih

Ähnlich wie die heutigen SB Bereiche bei Banken, kamen zumindest in großen Städten wie Hamburg die automatischen Videotheken in Mode. Hier standen große Automaten, bei denen man sich anmelden konnte und dann von seinem vorher aufgeladenem Guthaben sich Filme am Automaten ausleihen und zurückgeben konnte. Ganz ohne Personal.
Zu einem ähnlichen Zeitpunkt wurden auch Online Videtheken wie Amango oder Lovefilm immer größer. Hier bezahlte man einen Monatsbeitrag und konnte – je nach Preis 1-5 DVDs gleichzeitig ausleihen. Pro Monat konnte man dann 1-2 mal die DVDs tauschen – öfter war gegen Aufpreis möglich.

2006 – Erotik im Internet

Diverse Online Videoportale entstanden im Internet. Durch häufig fehlende Altersüberprüfungen, der anaoymität im Netz und der riesigen Anzahl an Videos, führten diese Portale dazu, dass immer weniger Sex Filme in den Videotheken ausgleihen wurden. 2007 soll es in Deutschland nur noch rund 4.000 Videotheken gegeben haben.

2014 – Netflix und weitere Streaminganbieter

Während die Anzahl der VIdeotheken immer weiter zurück ging, etablierten sich Mitte der 2010er mit den Streaminganbietern eine gute Alternative. Was Spotify und Co in der Musik geschafft hatten, wurde dank größerer Internetleitungen dann auch in der Film- und Serienwelt Realitiät und die Menschen gewöhnten sich daran Filme und Serien Online zu schauen. 2015 gab es nur noch rund 1.200 Videotheken.

2020 – Corona war der Todesstoss

Den finalen Todesstoss bekamen die Videotheken dann in der Corona Zeit. Spätestens jetzt nutzten fast alle Streaming Anbieter und die Lockdowns verhinderten auch, dass die letzten Kunden noch kamen.

2026 – Rund 50 Videotheken noch in Deutschland

Jetzt haben wir noch rund 50 Videotheken in Deutschland – die Zahl hält sich aber in den letzten Jahren sehr konstant.

Mein Fazit

Videotheken waren ein riesiger Markt, der sowohl durch den technischen Fortschritt des Mediums (VHS, Laserdisc, DVD, BluRay, ..), als auch im Vertriebsmodell (Laden, Versand, Online,..) sich immer wieder verändert hat und dann durch das Streaming in die Bedeutungslosigkeit geschickt wurde. Und man sieht auch deutlich, dass selbst ganze Ketten dieses Untergang nicht verhindern konnten. Was zählt ist in solchen Fällen nur, den richtigen Ausstiegspunkt zu finden.

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